das magazin / 12. Oktober

    Uns wurde klar: Die Zukunft hat uns bereits eingeholt.

    Ein Interview mit Künstler Mattias Alexandrov Klum

     

    79 % der Bewerber lesen das Unternehmensleitbild, bevor sie sich für eine Stelle bewerben. Damit die Mitarbeiter nicht nur gerne bei einem Unternehmen arbeiten, sondern auch an das Unternehmen glauben, müssen sich Firmen durch eine klar definierte Unternehmenskultur eindeutig positionieren. Bevor Verbraucher eine Kaufentscheidung treffen, werden immer häufiger auch die Werte des Unternehmens in die Waagschale geworfen, und auch für verschiedene Stakeholder gewinnt unternehmerisch und gesamtgesellschaftlich vernünftiges und sensibles Handeln zunehmend an Bedeutung. Das unterstreicht die Wichtigkeit eines einheitlichen Wertekanons im Unternehmen, den es zu kommunizieren und natürlich auch zu leben gilt.

    Der schwedische Künstler Mattias Alexandrov Klum beschreibt und porträtiert hautnah, was uns verbindet, und beleuchtet dabei die natürliche und kulturelle Umgebung, in der wir uns bewegen und entwickeln. Der Träger eines Ehrendoktortitels in Naturwissenschaften der Universität Stockholm und Botschafter des World Wildlife Fund Mattias Alexandrov Klum und seine Frau und Partnerin Iris Alexandrov Klum greifen in ihren Kunstprojekten Umweltthemen auf und erzählen Geschichten aus der Welt der Philosophie, Naturwissenschaft und Mythologie.

    Wir haben Mattias Alexandrov Klum gefragt, was für ihn Authentizität ausmacht, welche Rolle Entschlossenheit spielt und wie ein nachhaltiger Lebensstil aussehen kann – ein Interview über Lebensweisheiten und die Magie des Lebens.

    Auf Ihrer Homepage www.tierragrande.se definieren Sie und Ihre Frau Iris – bekannt als Künstlerduo Alexandrov Klum – sich selbst als Künstler, Fotografen, Filmemacher und Naturschützer. Wie gewährleisten Sie, dass Sie in Ihrem Storytelling über alle Marken, Rollen und Kanäle hinweg Ihrem Anspruch an Authentizität treu bleiben?

    Wir achten sehr stark darauf, dass unsere Projekte immer in unseren Werten verwurzelt sind. Sobald eine bestimmte Projektidee an uns herangetragen wird, überlegen wir, ob das zu unserem Wertekern passt. Wenn wir das Gefühl haben, dass wir nicht hinter dem Projekt stehen können, nehmen wir es nach Möglichkeit nicht an. Wir müssen hinter dem stehen können, was wir tun und schaffen. Wir sagen lieber zu etwas NEIN, als etwas zu tun, das zu weit von unseren eigenen Überzeugungen entfernt ist. Unsere Arbeit beschäftigt sich mit Ökosystemen und der Beziehung zwischen Mensch und Natur, mit unserer Beziehung zueinander – und wir versuchen dabei, die Kluft zwischen unseren Köpfen und Herzen zu überbrücken. Wir arbeiten nur an Projekten, die uns begeistern, für die wir gerne diese zahlreichen Stunden investieren.

    Bedeutet das, dass Sie nur mit charakterlich einwandfreien Menschen zusammenarbeiten?

    (Lacht) Wir glauben, dass wir beispielsweise bei Vorträgen und Ausstellungen, also Veranstaltungen mit einem breiteren Publikum, die Möglichkeit haben, die Reichweite unserer Botschaft zu vergrößern. Das spielt bei der Entscheidung natürlich eine Rolle. Wenn man nur mit perfekten, zu 100 Prozent authentischen Menschen zusammenarbeiten will, dann könnte man mit niemandem zusammenarbeiten. Niemand ist perfekt. Als Geschichtenerzähler informieren wir und tun unser Bestes, nach unseren Überzeugungen zu handeln.

    Treffen Sie Ihre Entscheidungen emotional?

    Die Welt bietet uns so viele wissenschaftliche Fakten, auf die wir uns stützen können. Unser Verhalten folgt allerdings nicht immer dem, was bei vernünftiger Betrachtungsweise das Richtige wäre. Wir stehen vor derart vielen Herausforderungen. Als Geschichtenerzähler und Künstler muss das in unserem Herzen tief verankert sein: Rational wissen wir Menschen, was richtig ist, und wenn wir das auch SPÜREN – moralisch, emotional und intellektuell – fühlt es sich auch richtig an. Davon ausgehend lässt sich das Verhalten einfacher steuern. Man lässt sich von seinem Herzen leiten – was vielleicht ein wenig hippiemäßig klingt. Aber letzten Endes ist Vertrauen die Basis für unser Verhalten.

    Wann weckt ein Projekt Ihr Interesse?

    Wann immer sich eine Stiftung oder eine Privatperson, z. B. ein Philanthrop, an Iris und mich wendet, sprechen wir die Idee durch. Und wenn diese Idee dann etwas in uns anspricht und mit unseren Überzeugungen vereinbar ist, beginnen wir mit den Rahmenbedingungen bzw. den juristischen Formalitäten. Werden wir uns einig, kann der kreative Prozess beginnen. Da das unser Beruf ist, muss das Angebot natürlich auch solide und wirtschaftlich sein. Wenn uns das künstlerisch berührt, sind wir mit Feuer und Flamme dabei. Dann wird die Idee zu einem Teil von uns und von dem, wer wir sind.

    Sie wollen etwas Positives in der Welt bewirken. Sehen wir uns diesen Aspekt einmal genauer an: Wie würden Sie eine positive Veränderung beschreiben und diese feststellen?

    Diesen Anspruch haben wir – es kann allerdings manchmal schwierig sein, den tatsächlichen Effekt festzustellen. Bei Beginn des Projekts definiert man ja bereits die Erfolgskriterien: Nach einer Diskussionsrunde mit anderen Künstlern oder nach einem Vortrag bekommen wir direktes Feedback vom Publikum oder von den Organisatoren. Bei Ausstellungen sehen wir an der Anzahl der Besucher, wie viele wir erreichen können und wie gut die Ausstellung ankommt. NGOs, die Menschen und Ökosysteme unterstützen, können natürlich nachvollziehen und überprüfen, inwiefern sich die projektbezogenen Spenden durch die Zusammenarbeit mit uns erhöhen. Wir haben vor Kurzem die Zusammenarbeit mit einer afrikanischen Organisation aufgenommen, die die Einkünfte aus dem Fundraising erfassen wird. Manchmal lässt sich Erfolg anhand von Zahlen und deren Analyse messen. In anderen Fällen ist es ein Lob, das uns über soziale Medienkanäle erreicht, oder Menschen, die uns persönlich Rückmeldung geben. Wir stehen auf allen Plattformen und in allen Bereichen im ständigen Austausch.

    Das Künstlerduo Alexandrov Klum besteht aus Mattias und Iris Alexandrov Klum.

    Ihre berufliche Laufbahn haben Sie als Fotograf begonnen. Mittlerweile sind Sie als Künstlerduo Alexandrov Klum unterwegs. Inwiefern hat sich Ihre Herangehensweise an die Kunst und ihre Wirkung verändert?

    Ich bin sehr stolz auf meine relativ lange Zusammenarbeit mit National Geographic. Das war eine ganz besondere Art, die Welt in Bildern zu begreifen und darzustellen. Als Dokumentarfotograf hatte ich das Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Nachdem ich Iris und ihre Sicht auf die Konzeptkunst kenngelernt hatte, haben sich unsere Wege verbunden, indem wir beide etwas aus unserem vorherigen Leben eingebracht haben. Das hat unsere Projekte vielschichtiger gemacht, sie wurden dynamischer, manchmal auch verspielter. So sprechen wir ein breiteres Publikum an – die Kunstwelt selbst kann ja manchmal etwas elitär sein. Unsere Auffassung geht in eine ganz andere Richtung: Wir erzählen Geschichten und erschaffen dabei Konzeptkunst – authentisch und mit ganzem Herzen. Wir vermitteln etwas Ästhetisches, das Augen und Herzen öffnet. Dokumentaristen müssen das Wie und das Warum jederzeit erklären können, die Kunst hingegen kann Ebenen der Fantasie mit einfließen lassen: die Welt des Unbekannten. Wir glauben und spüren, dass wir von dieser unbekannten Welt noch so viel lernen können – Dinge, die wir noch nicht begreifen, beispielsweise aus der Folkloristik. Wir wissen einiges, aber wir wissen nicht alles. Und in der Kunst kann dem Rechnung getragen werden. Dieser Aspekt unserer Arbeit hat etwas Magisches.

    Wie nachhaltig ist Ihre derzeitige Lebenssituation? Welche Entscheidungen haben sich im Vergleich zu, sagen wir, vor 10 Jahren verändert? Und was könnte noch besser werden?

    Oh, es gibt viele Dinge, die noch besser werden könnten. Das ist das Schwierige und das Schöne daran, in dieser Zeit zu leben. Wir setzen den Planeten und uns selbst stark unter Druck. Wir können aber auch im Alltag viel bewirken. So fliegen Iris und ich weniger, wenn wir reisen, fahren wir einen Mercedes mit Elektromotor, unsere Heizung zuhause wird durch Erdwärme betrieben. Wir kaufen lokale Produkte und kochen damit, und wir essen kein rotes Fleisch. Wir versuchen, so nachhaltig wie möglich zu leben. Für viele Menschen klingt das nach großen Opfern, aber man kann dabei immer noch Autofahren, hochwertige Kleidung tragen und sehr lecker essen. Für uns sind das keine Opfer, sondern bewusste Entscheidungen. Und wir können jeden Tag zahlreiche solcher Entscheidungen bewusst treffen. Uns wurde klar: Die Zukunft hat uns bereits eingeholt.

    Waren Sie schon immer Vegetarier?

    Naja, ich hatte schon viele Ausreden dafür, mich nicht vegetarisch zu ernähren. Durch meinen Beruf kam ich häufig in Kontakt mit Minderheiten und es wäre unhöflich oder taktlos gewesen, deren Essen bei einer Einladung abzulehnen. Aber das ist natürlich keine Alltagssituation. Und nachdem Iris und ich drei Jahre lang miteinander gearbeitet und zusammengewohnt hatten, fragte sie mich: „Aber Schatz, wie oft essen wir denn zusammen mit solchen Minderheiten?“ Ich lächelte und mir wurde klar, dass sie recht hatte. Ich hörte auf, Ausnahmen als allgemeingültige Erklärungen vorzuschieben, und wurde Vegetarier.

    Entscheidungen bewusster zu treffen ist wie eine persönliche Bilanzprüfung. Tatsächlich könnten viele Menschen öfter mit dem Fahrrad fahren. Ihre Fitness würde sich dadurch auch verbessern. Wir alle werden durch die Macht der Gewohnheit beeinflusst. Daher ist ein wenig Stärke und Entschlossenheit nötig. Aber der Umwelt und unseren Kindern zuliebe können wir uns ändern.

    Sie sind in Schweden aufgewachsen. Inwiefern hat das Ihre Entscheidung, Fotograf zu werden und dabei die unverfälschte Natur zu dokumentieren, geprägt und diesen Weg geebnet?

    Ich kann mich schon sehr glücklich schätzen, dass meine drei Geschwister und ich in Uppsala in der Nähe eines Waldschutzgebietes aufgewachsen sind. Ich erinnere mich, dass ich immer bei den Tieren sein und im Wald herumtollen wollte. Hinter dem Haus einen Bach zu erkunden, war für mich einfach total spannend. Mein künstlerischer Blick, in Kombination mit meiner Liebe für Details, Strukturen, Licht, Schatten und Formen, hat meine Aufmerksamkeit auf die Natur gerichtet. Wenn du im Auge einer Erdkröte ein Muster erkennen kannst, fällt es irgendwie leichter, künstlerisch tätig zu sein. Die bildenden Künste, die Wahl des richtigen Zeitpunkts und Fantasie haben mich ästhetisch immer fasziniert. Für jedes Handwerk bedarf es bestimmter Interessen und Qualitäten. Fleiß, Entschlossenheit, Leidenschaft und die Beharrlichkeit, tausende Stunden zu üben.

    Ich hatte das Glück, einmal einen Nobelpreisträger zu treffen, der mir Folgendes anvertraute: „Wenn ich mit meinem Team nicht eine so schöne Zeit gehabt hätte – natürlich haben wir auch sehr hart gearbeitet, aber wir hatten auch sehr viel Spaß – würde ich nicht hier in Stockholm sitzen.“

    Es geht um Leidenschaft, Liebe, viel harte Arbeit und Talent. Man muss seine Passion finden, etwas, bei dem man die Zeit vergisst. Das muss sich nicht auf eine Sache beschränken. Und selbst diese Sache kann sich ändern. Man muss sich darauf einlassen. Man muss den Mut haben, zu versagen.

    Wer und was inspiriert Sie?

    Inspiration finde ich in der Literatur, Bildern, Filmen und der Natur selbst, ob das Eisblumen sind oder ein guter Wein. Ich liebe Künstler wie Rembrandt, Picasso, Chagall und ihre absolut atemberaubende Kunstfertigkeit. Musik inspiriert mich. Wenn ich Mozarts Requiem höre, denke ich, dass er wohl eines der größten Genies aller Zeiten gewesen sein muss. Aber da gibt es auch noch moderne Künstler wie Peter Gabriel, Ben Howard, Miles Davis. Um von etwas inspiriert werden zu können, muss man dafür offen sein, man muss sich selbst verletzlich machen und sich von seinem Ego lösen. Durch Zuhören entwickelt man sich weiter. Manchmal verharren wir zu sehr in einer bestimmten Haltung, wodurch wir uns dem Neuen verschließen. Das Leben und die Fähigkeit zur Veränderung geben uns so viele Möglichkeiten, die sich uns bieten. Dafür müssen wir uns ändern und unseren Verstand und unser Herz öffnen.

    In den 26 Jahren bei National Geographic habe ich unglaublich viel gelernt. Das war eine tolle Zusammenarbeit und diese Zeit hat mich nachhaltig geprägt. Heute ist Iris meine wichtigste Kritikerin und Inspirationsquelle. Daher entstehen unsere Kunstwerke häufig aus einem konstanten Fluss aus konstruktiver Kritik. Wenn man es gewohnt ist, allein zu arbeiten, geht es jetzt darum, das eigene Ego hintenanzustellen. Wir haben uns vor vier Jahren kennengelernt. Nun ist unser Künstlerduo unser Vermächtnis an die Welt um uns herum. Durch unsere beiden jeweils eigenen Perspektiven ist unsere Kunst deutlich vielschichtiger geworden.

    Es geht um Leidenschaft, Liebe, viel harte Arbeit und Talent. Man muss seine Passion finden, etwas, bei dem man die Zeit vergisst. Das muss sich nicht auf eine Sache beschränken. Und selbst diese Sache kann sich ändern. Man muss sich darauf einlassen. Man muss den Mut haben, zu versagen.